Freitag, 1. September 2017

"Aspekte" vor dem Jobcenter Berlin Pankow

Nach einem Treffen von Direktkandidaten und Kleinparteien auf Einladung der BERGPARTEI letzten Freitag fragte ein Team von Freelancern, mich und andere für das zdf Format "Aspekte" zu interviewen.
HIER inzwischen das Video in der Mediathek>>
In meinem Fall schlug man als Hintergrund-Location das Jobcenter Pankow vor, was dem Wachschutz nicht gefiel...
Die Idee für den Nachdreh erreichte mich erst am Montag und das Team wünschte sich eigentlich, mich bei einer richtigen Aktion zu filmen - wie bei der mundtot-Aktion am Sonntag am Tempelhofer Feld oder auf einer Kreuzaktion.

Leider war das über Nacht auf den Dienstag nicht mehr zu stemmen, so dass ich ein kleines Wägelchen (die Plakatierleiter mit Stauraum von Michael Fielsch) mit einigen Holzkreuzen und Wahlsprüchen befüllte, mich passend einkleidete und mich am vormittag des 29. 08. 2017 mit dem Reporter vor dem Jobcenter traf.
 

Ich nutzte die Gelegenheit als "Ein-Frau-Aktion" (was keiner "Anmeldung" bedarf) Flyer an Passanten zu verteilen oder auch mit Kreide auf die Straße zu schreiben - natürlich im Bereich des öffentlichen Straßenlandes, wo nicht "Machtanspruch" durch das Jobcenter bestand - im Bereich, wo die Straße und der Gehweg allen gehört.

Als der Reporter mich ein wenig zu meinem politischen Werdegang unter Einfluss des Jobcenters sowie zu meiner Entscheidung, allein und nicht für eine Partei zu kandidieren, befragte, packte ich für ihn auch das Equipment aus, mit dem ich sonst viele Aktionen (mit)mache. Das Ganze musste ich für die Kamera mehrfach wiederholen ;-)

Natürlich zog die Tatsache, dass eine mit Plakaten behängte Frau für die Kamera posierte und sich interviewen ließ, den einen oder anderen Blick zusätzlich auf sich und so fragte hier und da mal ein passant, was ich mache.

Irgendwer muss davon im Jobcenter selbst berichtet haben - vom Eingang selbst aus waren wir nicht sichtbar.

Denn plötzlich kam der gute Herr R. - mir schon oft begegneter Wachschützer des Jobcenters - daher und verlangte, dass ich den Zugangsweg zum Jobcenter räumen würde.

Ich hatte nichts blockiert - stand auf öffentlichem Pflaster mit meinem Gepäck und Krempel. Kein Passant - auch nicht wer um die Ecke zum Jobcentereingang gehen wollte, wurde durch mich behindert.
Ich versuchte es ihm zu erklären, doch der junge Mann schien der Auffassung zu sein, eine Frau, die sich allein mit Sachen behängt und ihre Ausrüstung am Straßenrand abstellt, müsse auch das bei der Polizei anmelden.
Dass man auch in diesem Lande trotz seiner Obrigkeitszugriffe sich noch ohne Erlaubnisgebettel filmen lassen darf und dazu auch sein Gepäck zeigen darf, war dem jungen Mann offenbar neu.
Auch dass man als einzelner Mensch sich jederzeit politisch ausdrücken dürfe - auch wenn andere hinzutreten und nachfragen wie bei einem ganz normalen privaten Gespräch (mit anderen Leuten egal ob man sie zuvor kannte) über bunte Haare oder ausgefallene Schuhe, wie beim Flirten oder Passanten nach dem Weg fragen... das schien dem Wachschutzmenschen unbekannt.

Er fragte hartnäckig immer wieder nach bis ich ihn nach einigen Minuten abwimmeln konnte.



Es gruselt mich die Vorstellung, diesen relativ unbedarften Mann in einem anderen Zusammenhang zu erleben - wo andere Befehle von oben kommen, die er auf Geheiß einfach ausführt in der Unkenntnis der Gesetze nur in einem gewissen "Ordnungseifer" - alles natürlich ebensowenig in der Tiefe hinterfragt - wo bewertet und zensiert wird, statt selber - wenn man denn möchte - ein Statement entgegengesetzt wird.
Wir züchten uns (wieder) einen Schlag von Befehlsknechten heran, unreflektierte Menschen, die auf Denunziation hin ausgeschickt werden, Macht durchzusetzen in Bereichen, in die sich der Beauftragende nichtmal einzumischen hat.

Der für das zdf tätige junge Mann berichtete auch über seine Arbeitsbedingungen als Freiberufler und wir kamen mit einer Rechtsanwalts- Flyerverteilerin ins Gespräch, mit der ich schon öfter über Hartz IV debattiert hatte.

Nun - vielleicht sieht man mich, Bergpartei und Hiphoppartei heute (01. 09. 2017) Nacht im zdf "Aspekte" und sonst in der Mediathek... ;-)


Auch auf dem Heimweg hatte ich nette Gesellschaft - eine anarchistisch gestimmte Frau, der man bislang Geld und Umschulungskosten (in die angeblich händerringend um Nachwuch bettelnde Handwerkerzunft) verweigert hatte, nachdem sie ihre Kinder großgezogen und in den Prenzlauer Berg umgezogen war - zu Freunden - eine eigene Wohnung ohne Geld findet man hier ganz besonders nicht...

Manche lackieren sich die Finger, andere schreiben Sprüche auf ihre Kleidung!
Recht der freien Entfaltung der Persönlichkeit.
Nun, wer mit schönen ihr-spiegelhalter.de-Abwahlsprüchen auf der Straße herumläuft, macht auf sich aufmerksam. Gut, dass das in diesem Lande NOCH nicht offiziell verboten ist und ich mich von solchen Versuchen nicht einschüchtern lasse.

Kommentare:

  1. Frigga: "Denn plötzlich kam der gute Herr R. - mir schon oft begegneter Wachschützer des Jobcenters - daher und verlangte, dass ich den Zugangsweg zum Jobcenter räumen würde. [...] Es gruselt mich die Vorstellung, diesen relativ unbedarften Mann in einem anderen Zusammenhang zu erleben - wo andere Befehle von oben kommen, die er auf Geheiß einfach ausführt in der Unkenntnis der Gesetze nur in einem gewissen "Ordnungseifer" - alles natürlich ebensowenig in der Tiefe hinterfragt - wo bewertet und zensiert wird, statt selber - wenn man denn möchte - ein Statement entgegengesetzt wird. Wir züchten uns (wieder) einen Schlag von Befehlsknechten heran, unreflektierte Menschen, die auf Denunziation hin ausgeschickt werden, Macht durchzusetzen in Bereichen, in die sich der Beauftragende nichtmal einzumischen hat."

    Da stellt sich einem doch die Frage: Weshalb benötigt eine staatliche Behörde, wie die Bundesagentur für Arbeit, überhaupt einen Sicherheitsdienst und warum hat man als Bürger nicht jederzeit Zutritt in ein Jobcenter? Man kommt nämlich nur noch in ein Jobcenter herein, wenn man eine "Einladung" gemäß § 59 SGB II i.V.m. § 309 SGB III in den Händen hält. Die Antwort der BA und des BMAS – die natürlich "lautschreiend" über die Medien verbreitet wird – hört sich folgendermaßen an: „Es hat in letzter Zeit Übergriffe gegen Mitarbeiter der Jobcenter gegeben und deshalb waren wir gezwungen unsere Mitarbeiter zu schützen.“ So ein Statement der BA und des BMAS ist natürlich extra so formuliert, denn dem naiven Bürger soll vermittelt werden, dass alle ALG II Bezieher (Hartz IV Empfänger) unberechenbare und gefährliche Individuen sind, denen man nur mit einem Sicherheitsdienst begegnen kann. Es mag den einen oder anderen Vorfall in einem deutschen Jobcenter gegeben haben, nur stellt sich dann die Frage, weshalb sind Menschen in einem Jobcenter ausgeflippt? Diese wichtige Frage möchte die BA und das BMAS aber nicht beantworten, denn dann würde vielleicht herauskommen, dass es sich bei den Jobcentern gar nicht um eine echte staatliche Behörde handelt, sondern um eine Einrichtung, wo Menschen schikaniert und gebrochen werden sollen, um sie danach als Leiharbeitersklaven in Zeitarbeitsfirmen stecken zu können.

    Übrigens: Die Menschen, die im Jobcenter als "Wachleute" arbeiten, bekommen auch nur einen Minilohn, darüber hat der Journalist Günter Wallraff schon einmal eine Reportage gemacht.

    "Die Mitarbeiter im Sicherheitsdienst beim Jobcenter in Frankfurt, mit denen sich Wallraff unterhält, verdienen kaum genug zum Leben. Viele müssen ihren Lohn zusätzlich mit Hartz IV aufstocken. [...] Das Jobcenter teilt mit, dass die Beschäftigen nach Tarif bezahlt werden. 8,14 Euro erhalten sie pro Stunde. Allerdings arbeiten viele nur 35 Stunden, so dass das Gehalt trotzdem nicht reicht."
    http://www.focus.de/finanzen/news/team-wallraff-in-der-security-branche-sicherheit-darf-nichts-kosten-fuer-7-25-euro-riskieren-wachleute-ihr-leben_id_3838694.html

    Siehe auch: Sicherheitsdienst des Jobcenters greift Mitglieder der Erwerbsloseninitiative an (Blog: Kritischerkommillitone)
    https://kritischerkommilitone.wordpress.com/2015/08/23/sicherheitsdienst-des-jobcenters-greift-mitglieder-der-erwerbsloseninitiative-an/

    Die Wallraff-Reportage zeigt skandalöse Zustände in den Jobcentern. Personalmangel und Überlastung produzieren teils absurde Ergebnisse.
    http://www.stern.de/wirtschaft/news/team-wallraff--die-5-schlimmsten-skandale-im-jobcenter-5920184.html

    M.S.

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    1. Inge Hannemann (altonabloggt): "[... ] Doch so schön der Sicherheitsdienst eine Sicherheit vorspielt: Er spielt auf dem falschen Feld. Der eigentliche Fehler sitzt im System selbst. Es ist das System der Bundesregierung und deren ausführenden Organe. Sie haben weder ein Konzept für eine Jobvermittlung ohne Repressionsdruck noch eines für auskömmliche Beschäftigungen. Es ist die Agenda 2010, die lieber ihre Lobbyisten des prekären Arbeitsmarktes bedient, als eine lebensdienliche Beratung zu betreiben. [...]"

      https://altonabloggt.com/2015/01/19/katz-und-maus-mit-dem-sicherheitsdienst/

      Inge Hannemann (altonabloggt): "Wallraff und sein Team deckten auf. In der RTL Reportage „Wenn der Mensch auf der Strecke bleibt“ offenbarte diese gravierende Missstände in deutschen Jobcentern. [...] Dadurch aufgeschreckt, ahnte die BA etwas und versendete bereits im Vorfeld eine Mail an die Mitarbeiter. [...]"

      https://altonabloggt.com/2015/03/21/verheizt-und-aufgeladen/

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  2. "... nachdem sie ihre Kinder großgezogen und in den Prenzlauer Berg umgezogen war - zu Freunden - eine eigene Wohnung ohne Geld findet man hier ganz besonders nicht ..."

    Immer diese nervigen Hartz IV Empfänger, die sich keine anständige Wohnung leisten können. In Berlin und Hamburg (beide Städte sind SPD regiert), da findet man haufenweise Eigentumswohnungen. In Hamburg wurde gerade eine Eigentumswohnungen in der Elbphilharmonie für lächerliche 10 Millionen Euro verkauft, während drei Kilometer weiter, in der Mönckeberstraße, gegen 22 Uhr die Obdachlosen ihre Schlafsäcke für die Nacht ausbreiten.
    https://www.abendblatt.de/hamburg/article211770615/Hamburgs-teuerste-Wohnung-in-der-Elbphilharmonie-verkauft.html

    Auch in Berlin, im Prenzlauer Berg, gibt es günstige Wohnungen für 1,2 Millionen Euro, aber die Hartzer jammern ja immer nur herum, und behaupten, das wäre alles viel zu teuer.

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